Letzte Tage in Seoul…

Nun bin ich schon wieder seit fast 6 Monaten zurück von meiner unglaublich eindrücklichen Reise nach Südkorea, und so langsam schleicht sich wieder die altbekannte Sehnsucht nach weiteren Reise-Abenteuern in mein Nervensystem.

Aber zuallererst möchte ich auch hier noch einen Abschluss zu meinen Korea-Erlebnissen finden. Ich war am Ende der 4-wöchigen Reise völlig erschöpft und ausgelaugt, und es blieb nicht mehr viel Energie übrig für grosse Unternehmungen. So genoss ich die letzten Tage in Seoul in der Gesellschaft von Kyoungeun.

Bevor ich mich an einem jener letzten Tage mit Kyoungeun traf, besuchte ich den Bongeunsa-Tempel, ein bedeutender buddhistischer Tempel in Seoul. Er liegt inmitten des Stadtviertels Gangnam-gu. Der Eingang ist ein wenig zurückversetzt vom Lärm und dem Verkehrsgewirr der daran vorbeiführenden Strasse, sodass man sich mit jedem Schritt in Richtung Eingangstor einer heiligen Oase der Ruhe und des Friedens nähert. Das ist sogar körperlich spürbar. Die ganze Hektik dieser riesigen Stadt fällt von mir ab und ich trete durch das Tor in eine komplett andere Welt.

Fast hätte ich die Zeit vergessen, so friedlich und still war es hier. Alle Besucher schienen hier einen Gang zurückzuschalten, denn hier nahmen sich alle Zeit um einfach zu sein. Herrlich….

Dann war’s aber Zeit mich mit Kyoungeun zu treffen. Wir besuchten kurz die viel fotografierte Starfield Library in der COEX Mall. Und tatsächlich strahlt dieser Ort dieselbe magische Energie aus, die ich schon von allen bewunderten Fotos her kannte.

Hier stehen sogar immer mal wieder von Kyoungeun ins Koreanische übersetzte Bücher im Regal. Schon sehr eindrücklich….

Ein weiteres Highlight jener letzten Tage war eine Fahrt zur Turmspitze des Lotte-Towers. Auch hier ergatterte Kyoungeun 2 vergünstigte Tickets, und auf ging’s in die endlos erscheinende Warteschlange. Aber einmal im Lift angekommen geht’s in atemberaubendem Tempo in weniger als einer Minute hoch zum 118. Stockwerk, und von dort müssen nochmal 3 Stockwerke erklommen werden, um auf das Glasdeck zu gelangen. Ich war schon öfters auf sehr hoch gelegenen Aussichtsplattformen, aber was mich hier oben erwartete, übertraf alles. Ich war hier einen halben Kilometer über dem Boden, und alles unter mir erschien in Puppenstubengrösse! Wir kamen beide nicht mehr aus dem Staunen raus…

Dann zum Abschluss nochmal leckeres Sushi und anschliessend ein weiteres wunderbares Konzert in der Lotte Concert Hall.

Auch den allerletzten Tag verbrachte ich nochmal mit Kyoungeun. Wir fuhren heute zu einem wunderschönen traditionellen Tofu-Restaurant etwas ausserhalb des Zentrums und genossen ein leckeres Mittagessen mit verschiedenen Tofu-Sorten und viel Kimchi….

Im noch hübscheren Café gleich daneben gab’s Kaffee und Tee und wir konnten noch ein bisschen tratschen.

Und dann war Schluss mit lustig. Ich musste zurück in mein Apartment und packen. Denn am nächsten Morgen um 06.00 Uhr früh würde der von Kyoungeun organisierte Fahrer mich abholen und zum Flughafen in Incheon kutschieren. Mein Urlaub war zu Ende.

In der Nacht als alles gepackt war, ich den Müll brav getrennt und entsorgt hatte, setzte ich mich nochmal auf die Fensterbank in meinem Airbnb und genoss ein letztes Mal die fantastische Aussicht auf den Seokcheon-Lake und den Lotte-Tower. Ich hatte sehr gemischte Gefühle. Einerseits freute ich mich auf mein Zuhause und darauf, mich endlich wieder in einer mir bekannten und etwas entspannteren Welt ausruhen zu können. Andererseits wusste ich schon jetzt, dass ich kaum Zuhause angekommen, all das hier in Südkorea erlebte schmerzhaft und aus tiefster Seele vermissen würde. Auch das Feuerwerk, dass mir da draussen wie zum Abschied entgegen glitzerte, konnte an dieser seltsamen Zerrissenheit nichts ändern.

Das waren vier in jeder Hinsicht unglaublich intensive Wochen in Südkorea. Ich habe nun bald 6 Monate nach meiner Rückkehr immer noch nicht alles verdaut. Aber vielleicht möchte ich das auch gar nicht. Wahrscheinlich hab ich deshalb so lange gebraucht, um diesen letzten Bericht zu schreiben. Ich möchte mich immer noch nicht lösen von diesem so wunderbaren Land, das sowohl durch seine Schönheit, seine liebenswürdigen und freundlichen Menschen und durch seinen historischen Reichtum, als auch durch seine dunkelsten Schattenseiten fasziniert. Korea ist wirtschaftlich mittlerweile einer der Spitzenreiter weltweit, und ist technisch dem Rest der Welt etwa 50 Jahre voraus. Aber in emotionaler und sozialer Hinsicht hatte ich oft den Eindruck, dass die Koreanische Seele dem rasanten Fortschritt nicht hinterher zu kommen vermochte.

Unter anderem herrscht in Südkorea ein ungeheurer gesellschaftlicher Druck auf jedem einzelnen, dem sich erst sehr wenige vereinzelte Personen zu entziehen versuchen. Von jedem hier wird erwartet zu jeder Zeit und in allem der Beste, Schnellste, Schönste etc. zu sein. Wer keinen Platz auf den vordersten Rängen erreicht ist ein Looser. Das scheint nicht nur für die jungen Studenten zu gelten, sondern macht auch den Alltag älterer Menschen zum Teil unerträglich. Wichtig ist immer nur möglichst schnell und effizient ein gesetztes Ziel zu erreichen, und dann kommt schon das nächste. Diesen gesellschaftlichen Druck hab auch ich als Touristin zu spüren bekommen. Alles muss super schnell gehen. Eine Besichtigung erfolgt im flotten Lauf-Tempo. Gegessen wird in Restaurants in Windeseile, denn der Tisch muss gleich wieder freigegeben werden für neue Kunden, und man selber hat ja auch noch anderes vor ausser zu essen. Aber wo bleibt da der Genuss?

Sich aus dem ständigen Konkurrenzkampf herauszuhalten, bedarf tatsächlich einiger Anstrengung, da ich mich eigentlich gerne dem jeweiligen Land anpasse in dem ich mich befinde. Ich möchte auch nicht negativ und störend auffallen. Aber hier in Südkorea geht das bis zur Selbstaufgabe und nagt gewaltig an meinem Selbstbewusstsein. Ich musste ein paar mal zu mir selbst sagen: Halt! Stop! Lass Dich davon nicht anstecken! Bleib wie und wer Du bist! Dieser ständige Wettbewerb bringt zwar unglaubliche Höchstleistungen hervor, aber alles was auch nur im geringsten unter diesen Höchstleistungen liegt, wird wertlos, bedeutungslos, nicht existent. Das fühlt sich für mich nicht gesund an.

Auch fand ich es äusserst anstrengend, mit dem digitalen Fortschritt der Koreaner mitzuhalten, geschweige denn den gewaltigen Vorsprung überhaupt aufzuholen. Ständig fühlte ich mich gestresst, allein schon deshalb, weil ich Stunden benötigte, um die eigentlich einfachsten Dinge verstehen und/oder bewerkstelligen zu können. Als ich dann aber wieder zuhause unsere altertümlich anmutenden digitalen Möglichkeiten vorfand, sehnte ich mich wieder zurück nach Seoul! Z.B. vermisste ich es, einfach alles, was das Herz begehrt, auf Coupang bestellen zu können, und am nächsten morgen liegt es schon vor der Wohnungstür. In diesem Fall finde ich die Schnelligkeit einfach genial und sehr erstrebenswert. Kein wochenlanges Warten, bis das bestellte endlich ankommt. Auch Lebensmittel werden frisch und zum Teil gekühlt sofort geliefert. Wirklich toll!

Die Koreaner sind ein sehr freundliches und hilfsbereites Volk. Oft etwas ungeduldig aber immer nett und höflich. Und ich fand es einfach herrlich, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit immer sicher unterwegs sein zu können. Ich habe mich kein einziges Mal unwohl gefühlt. Ich konnte völlig entspannt überall hin, ohne ständig auf mein Hab und Gut achtgeben zu müssen. Als Frau allein nachts unterwegs zu sein, ist in Seoul oder Busan oder auch auf Jeju eine Selbstverständlichkeit. Das ist genau so, wie ich das vor 40 Jahren in Japan erlebt hatte. Ich hab mich hier wunderbar sicher gefühlt! Noch so etwas, das ich zuhause sehr vermisse. Auch dass einem nichts geklaut wird, vergessene oder verlorene Gegenstände mit annähernd 100%iger Sicherheit den Weg wieder zu Dir zurück finden, ist einfach genial.

Tja, und dann sass ich schon wieder im Flugzeug. Und ich freute mich tatsächlich, bald wieder meine eigene Sprache zu hören. Einfach so entspannt drauflos plappern zu können, hat mir unglaublich gefehlt.

Annyong areumdaun hanguk (Tschüss schönes Korea)

und Grüezi Schwyz

Glücklich wieder zuhause zu sein, hab ich sofort wieder angefangen zu überlegen, wann ich wohl das nächste Mal nach Korea reisen könnte….

Aber jetzt geht’s erst mal wieder nach Extremadura…..

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